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Entwicklungshilfe nach Mass

Entwurmungskuren für Schulkinder in Kenia und mehr Schutz vor den Folgen des Klimawandels für Menschen in Indien: Mit präzisen Experimenten und konkreten Massnahmen kämpfen Esther Duflo und Abhijit Banerjee gegen die Armut.

Esther Duflo, Abhijit Banerjee, Sie forschen zurzeit noch am MIT in Boston und kommen im Sommer an die UZH. Was bedeutet dieser Wechsel für Sie?

Abhijit Banerjee: Für uns ist die Vorstellung, wieder nach Europa zu kommen, spannend – besonders jetzt, ineiner Zeit, wo der Kontinent seine Werte bekräftigen muss. Zürich ist für uns eine ideale Kombination. Die Atmosphäre und die Forschenden an der UZH sind grossartig. Und es gibt hervorragende Forschende, die sich mit Entwicklungsökonomie, Klimawandel und verwandten Themen beschäftigen.

2019 wurden Sie für Ihren experimentellen Ansatz zur Bekämpfung der weltweiten Armut mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Was ist Ihre grundlegende Erkenntnis aus dieser Arbeit?

Esther Duflo: Eine grundlegende Erkenntnis ist, dass es keine grundlegende Erkenntnis gibt. Es gibt kein Patentrezept zur Beseitigung der Armut. Um Fortschritt zu erzielen, ist es deshalb wichtig, die ganz unterschiedlichen Probleme, die mit Armut verbunden sind – Ausbildung, Gesundheit, Umwelt, Klima, Regierungsführung, soziale Sicherheit und viele andere – genau zu untersuchen und sie dann nacheinander zu adressieren.

Wir tun dies mit wissenschaftlicher Strenge, ähnlich wie wenn man eine neue medizinische Behandlung oder eine neue Bildungsmethode testen würde. Man stellt eine präzise Frage, testet sie sorgfältig und analysiert die Ergebnisse. Genauso wenig wie es ein Universalheilmittel gegen Krebs gibt, weil viele unterschiedliche Krebsarten existieren, gibt es auch keine einzelne grundlegende Erkenntnis, die uns sagt, wie wir das Problem der Armut lösen können. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis aus unserer Arbeit.

Ihre Strategie besteht darin, komplexe Probleme in kleinere, überprüfbare Fragen zu zerlegen.

Duflo: Ich weiss nicht, ob «klein» das richtige Wort ist, «klein» kann etwas sehr Lokales oder Triviales suggerieren. Ich würde eher «präzis» oder «klar definiert» sagen. Wenn man eine klar definierte Frage stellt, hat man die Chance, eine klar definierte Antwort zu erhalten. Und sobald man eine solche Antwort hat – zum Beispiel, ob dieser bestimmte Ansatz zur Lösung dieses bestimmten Problems funktioniert –, kann man darüber nachdenken, ihn skalieren. Wenn man stattdessen feststellt, dass ein Ansatz nicht funktioniert, was häufig vorkommt, kann man sich entscheiden, diesen Weg nicht weiterzuverfolgen.

Ein grosser Teil der Arbeit des Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston bestand in den letzten zwanzig Jahren nicht nur darin, Tausende von Forschungsprojekten zu realisieren, sondern auch darin, sehr eng mit politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, um Massnahmen, die sich in unserer Forschung als wirksam erwiesen haben, anzuwenden. Mittlerweile haben mehr als 800 Millionen Menschen von Programmen profitiert, die nach ihrer Bewertung durch Forschende unseres J-PAL-Netzwerks umgesetzt wurden. Das ist natürlich eine sehr grosse Zahl von Menschen. Aber das ist nicht auf einmal passiert. Es geschah Schritt für Schritt, über viele Jahre hinweg.

Welches Forschungsprojekt war bislang am erfolgreichsten?

Duflo: Eine der interessantesten Geschichten begann in Davos. In einer frühen Studie des Poverty Action Lab zeigten Michael Kremer und Ted Miguel, dass es äusserst kosteneffizient ist, Kinder an Orten, an denen Wurmerkrankungen (Schistosomiasis) weit verbreitet sind, präventiv zu behandeln. Diese Studie wurde in Kenia in Gebieten mit hoher Schistosomiasis-Prävalenz durchgeführt. Eine Erkrankung kann durch eine alle sechs Monate verabreichte Tablette verhindert werden. Die Tablette selbst ist kostengünstig und auch die Kosten für die Lieferung sind nicht sehr hoch. Kinder, die diese Tablette einnehmen, fehlen seltener in der Schule. Wenn sie erwachsen sind, sind sie gesünder und verdienen etwa 25 Prozent mehr als Kinder, die die Behandlung nicht erhalten haben. Das ist ein ausserordentlich grosser Effekt.

2007 waren Michael Kremer und ich «Young Global Leaders» beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort wurden wir ermutigt, Ideen zu entwickeln, die die Welt wirklich verändern könnten. Also schlugen wir das Programm «Deworm the World» vor, das die Massnahmen zur Bekämpfung von Wurmerkrankungen skalierte. Natürlich dauerte es nach diesem ersten Treffen in Davos noch lange, bis das Programm stand. Es war viel Arbeit damit verbunden, und viele Menschen haben dazu beigetragen. Aber das Netzwerk der «Young Global Leaders» war sehr hilfreich, um das Programm auf den Weg zu bringen. Es wurde dann zu einer nationalen Strategie in Indien, weshalb die Zahlen so hoch sind, und hat auch viele Kinder in Subsahara-Afrika und anderen Regionen erreicht.

Kompletter Artikel hier.

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